Freitag, 20. Januar 2012 2:25
Gelegentlich bedauere ich, dass die Schulen und Universitäten und erst Recht die meisten Menschen einem das Denken verleiden statt ermöglichen. Sie führen nicht hin zum Denken, führen auch nicht weg, sondern schlagen es bequemerweise einfach tot. Der Mensch wird auf den Menschenweltunsinn hin trainiert.
Ich würde gerne noch so manches durchdenken, ich fühle mich erst am Anfang meines Denkens. Allein mir fehlt vermutlich die Zeit wie Daseinsmöglichkeit.
Im Leben bin ich erst seit 8 Jahren, nach meiner eigenen Zeitrechnung, 2004 ist mein wirkliches Geburtsjahr, demnach bin ich 8 Jahre alt. Die Jahre zuvor war ich nicht existent, ich habe nicht gelebt, ich wurde gelebt, mir wurde Wahnsinn diktiert und aufgedrängt. Erst ab 2004 war es mir langsam möglich meinen eigenen, aber ich glaube friedlicheren Wahnsinn zu errichten. Mit dem Denken habe ich erst Ende 2009 so richtig begonnen bzw. eine neue Ebene erklommen. Sehr spät also, allerdings manche fangen in ihrem ganzen Leben nicht mit dem Denken an bzw. suchen es nie, vermeiden es absichtlich. Ich sollte also froh sein überhaupt diese Reise angetreten zu haben. Ein Ankommen gibt es dabei nicht. Dafür viele Irrwege. Aber auch diese sind interessant und mitunter förderlich. Meine Grundgedanken sind im Vergleich zu 2004 nicht so verschieden, haben sich nicht revolutionär erneuert, aber sie haben sich reichlich verzweigt, verästelt, und dieser Vorgang ist sehr spannend.
Hannah Arendt hat mit 14 Aristoteles gelesen. Ich mit 17 mein erstes Buch, ein Sportbuch. Ich kannte mit 17 bestimmt nicht einmal Aristoteles, ich kannte ja nicht einmal mich. Mich kenne ich immer noch nicht, aber ich weiß um die Schriften von Aristoteles, auch wenn ich sie direkt immer noch nicht gelesen habe bzw. nur auszugsweise.
Ich musste mir mein Denken selbst erarbeiten. Es hat lange gedauert, nun ist der Funke da. Ich habe viel Zeit liegen lassen. Ich bin immer Gedanken nachgegangen, aber meist waren sie nicht sehr tief (Ich hab auch zuviel “seriöse” Zeitungen gelesen die überwiegend von Belanglosigkeiten berichten, ob sie nun SZ, Faz oder die Zeit heißen, letzlich sind es von vorne bis hinten auch nur Klatschpressen, die entscheidenen Themen werden nur selten erwähnt und wenn nur oberflächlich. Sie bedienen eher Menschen, die nach Kierkegaard, sich eine Meinung leihen wollen, eben die von Jorunalisten). Und auch jetzt bin ich nicht der Flachheit vollkommen enthoben, ich sehe in der Ferne auch kein Licht, dass es anzusteuern gilt. Das ist für das Denken nicht möglich, es wird sich stets in Dunkelheit bewegen, aber es bewegt sich, engt sich nicht ein, begibt sich nicht in Selbstverständlichkeiten!
Niemand hat in meiner sogenannten Familie wirklich gelesen (es sei die BILD-Zeitung wird erwähnt). Von Förderung kann da nicht die Rede sein, nur von Forderungen nach Zahlen, sprich Noten. Die Menschen legen so viel Wert auf diese belanglosen Zahlen, zu viel wert auf Papierabschlüssen und viel zu wenig auf den wirklichen Inhalt des Denkens. Sie glauben, wenn auf einem Zeugnis lauter 1en vorliegen wird auch gedacht. Dabei besagt das nur eine erstaunliche Fähigkeit in der Anpassungsleistung. Was sicherlich auch sehr anstrengend und mühsam ist, das bestreite ich ja gar nicht. Nur sagt das noch nichts über das Denken aus.
Erst seit einem Jahr vernehme ich die Dringlichkeit und nutze die Tage intensiv. Wie gerne würde ich mich noch einmal in das Jahr 2004 oder wenigstens 2007 zurück schicken und von mir aus mit Null beginnen, aber mit einer Liste an Vorkehrungen, meiner Liste an Vorkehrungen und Hinweisen. Aber wahrscheinlich wäre ich dumm genug sie ungelesen bei Seite zu legen, es nicht zu nutzen. Erst das Denken was auf eigenen Weg erlangt wird, bleibt ja wirklich haften. Somit war der achtjährige Denkprozess bzw. Weg zum Anfang des Denkens hin, zwar zeitlastig, aber umso nachhaltiger. Gerade die vielen Irrwege sind mir nun nützlich, um manches in Perspektive zu setzen bzw. mehrere Perspektiven zur Auswahl zu haben. Ich profitiere schon davon, allerdings wäre mir dennoch ein verkürzter Weg zum jetzigen Punkt hin lieber gewesen. Ich hätte schon weiter sein können. Weiter wohin? Anders formuliert: Ich hätte nicht weiter sein können, aber ich hätte mehr Denkverästelungen haben können. Und diese erfreuen mich gelegentlich.
Ich arbeite, wie gesehen werden kann, etwas an einem biographischen Nachlass. Es sind natürlich nur ein paar Stichpunkte, Andeutungen, Konturen, denn 29 Jahre Dasein lassen sich nicht in ein paar Worte einfangen. Warum Nachlass? Das heißt nicht, was daraus abgelesen werden könnte, es heißt nur, Ergänzungen zu liefern. Ergänzungen wozu? Nicht zu den Texten, denn die stehen für sich. Zumindest der, der gerade in Arbeit ist und der entscheidende sein wird, auch wenn in dem bisherigen Napoleon geht zu Grunde sich ansatzweise schon viel finden lässt, sicherlich in chaotischer Natur, aber gerade das macht ihn mir nach wie vor sympathisch. Das folgende und wohl letzte Buch wird geordneter, übersichtlicher und inhaltlich noch etwas vertiefter daher kommen, es soll eine Art Abschluss bilden. Nicht das Ende des Denkens, sondern gerade der Anfang des Denkens. Wenn man eine Analogie heranziehen will, dann ist das sozusagen meine Habilitationsschrift. Aber da ich von Papierabschlüssen nicht so viel halte, lasse ich die Analogie gleich wieder fallen. Es ist eher meine Daseins-Schrift, also mehr als bloß Habilitation. Das Buch wird keine Denkinhalte vorgeben, sondern Denkbewegungen aufzeigen. Mir erscheint das ein viel gesünderer Aspekt zu sein. Nicht vermeintliches und fragliches Wissen auf andere übertragen zu wollen, sondern gerade das Gegenteil davon. Nicht Selbstverständlichkeiten aufbauen, sondern sie einreißen. Wie dem auch sei. Jedenfalls habe ich schon immer, wie in einem der anderen Texte erwähnt, lieber Texte gelesen, die unmittelbar aus dem Dasein geschöpft haben, die anschaulich waren, jemanden direkt betrafen. Und mir ist gerade danach ein paar Gedankensprünge aus meinem Leben dahin zuschleudern, nicht präpariert oder großartig bearbeitet, sondern nebenbei vermerkt, nebenbei niedergeschrieben. Nicht in Schönschrift, sondern in Kladde. Es kommt im Leben nicht darauf an sich gut zu präsentieren, sich im Schein zu baden. Ich vermute, jeder Mensch hat Eigenschaften an sich die ihm selber lästig sind. Oder die ihm lästig sind, er aber dennoch interessant findet usw. Es geht nicht darum Wirkung zu erzielen, als netter Mensch zu erscheinen, wenn dann überhaupt es viel mehr zu sein (und dazu bedarf es nicht Halleluja-Handlungen), es geht viel mehr um gar nichts. Das schafft eine Form von Freiheit. Und diese ist für mich interessanter. Nichts verschweigen oder wenn dann bitte nicht zu viel. Ich möchte es mit Menschen zu tun haben die wirklich dem Dasein begegnen und wenn sie es tun, dann werden sie sich gehörig umgucken, eingeschüchtert, unsicher und ängstlich sein. Das heißt nicht, dass sie sich nicht auch mal erfreuen. Aber sie geben keine Gewissheit vor, malen sich nicht in kräftigen bunten Farben, ihnen ist das egal, sie haben ganz andere Probleme. Sie interessiert anderes.
Wie gerne wäre ich auf Menschen getroffen die richtig dem Denken verfallen sind, es gibt sie bestimmt. An den Universitäten waren sie kaum auszumachen. Die Menschen dort haben sich für Noten interessiert, nicht für Inhalte. Haben sich für Alkoholbesäufnisse interessiert, nicht für ihr Sein. Sie wollten so schnell wie möglich aus dem Denken herauskommen, sich in Berufe begeben, in Selbstverständlichkeiten usw.
Es klingt natürlich verzerrt, wenn ich vom Denken in höchsten Tönen rede, aber ich verweise ja darauf, dass ich da auch nur im Dunkeln herumtaste. Und wie ich es kürzlich bei Deleuze las und nun auf mich verwende, wenn ich nicht schreibe denke ich auch viel unsinniges Zeug. Das lässt sich gar nicht vermeiden und das ist auch okay. Aber es sollte auch Phasen geben, und es sollte nicht der geringste Teil sein, indem das Denken entflammt. Ich möchte gerne mal Menschen Treffen die nicht vom Denken leben wollen, sondern für das Denken leben. Die einzigen, die ich kenne sind bereits tot. Von ihren Schriften konnte ich teilweise profitieren. Denn da standen nicht nur Wörter, da stand hinter jedem Satz ein ganzes Leben, ein Leben für diesen einen Satz, wenn man es so ausdrücken möchte.
Schulen und Universitäten sind überwiegend Denkabtöter, sie werfen einen – metaphorisch ausgedrückt – Decken über den Kopf um den Geistesrauch bereits im Keim zu ersticken. Sicherlich gibt es vereinzelt gute Professoren oder Dozenten, die Denkwege ermöglichen und nicht behindern wollen, aber sie bewegen sich nicht innerhalb der Bildungsstruktur, sondern gerade außerhalb dieser. Die gesellschafte Bildungsstruktur zielt auf Abrichtung von gewissen Fähigkeiten, es geht ihr nicht um Denkprozesse, eher noch um Funktionalität für isolierte Abläufe usw.
Es kann sich jener Mensch glücklich schätzen, der zumindest daheim im Denken angeregt wird, am besten von klein auf an. Der kann von den Bildungswegen profitieren, da er sich nur das herauszieht was er für sich braucht, den Rest lässt er nicht zu nahe an sich herankommen.
Mit 14 Aristoteles zu lesen besagt natürlich noch nichts über die Denkfähigkeit, das kann trotzdem ein verharren in Selbstverständlichkeiten mit sich bringen (sowieso, Aristoteles ist ja auch nur ein Mensch der mit Wörtern hantiert, sie anordnet, wenn auch mitunter geschickter als manch andere). Es kommt da auf etwas anderes an. Ein andern mal mehr dazu.
Abschließend nur noch: Alles was ich über das Dasein „weiß“, ich für wichtig erachte, habe ich abseits der Schulen und Universitäten mir erarbeitet, abseits der Verwandtschaft ohnehin. Will sagen: Denken ist nicht an gewissen Strukturen gebunden, man muss sich seine eigene Strukturen schaffen. Es ist nicht leicht, wenn man nur von Menschen umgeben ist die in Selbstverständlichkeiten verharren, weil man dann automatisch sich auch in Selbstverständlichkeiten begibt, keinen anderen Ansatzpunkt erhält. Es muss schon eine Störung gesehen, um einen wachzurütteln. Es gibt Störungen verschiedener Art, intern, extern usw. Am gesündesten ist die Anregung durch einen anderen Menschen, der einen andere Perspektiven aufzeigt. Diesen Menschen hatte ich leider nicht.
Ich muss irgendwie den Wahnsinn erkannt haben, der mich umgibt, wie auch nicht, er war ja alltäglich und fühlbar, betraf mich unmittelbar, so dass dies innerliche Störungen in mir hervorrief. Ich reagierte quasi mit meinen Gegenwahnsinn auf den Wahnsinn der anderen, leider war dies kein gesunder Wahnsinn (es war ein Wahnsinn mit dem ich mir ausschließlich selber schadete). Aber ich besaß weder Reflexion noch sonst was. Ich wusste nur, der Wahnsinn drückt mich nieder. Und mein Körper reagierte für mich, nicht mein Denken. Als Kind steht man den äußeren Begebenheiten ja ohnehin noch relativ machtlos gegenüber. Aber diese Störungen, unter denen ich lange gelitten habe, haben mich aus den Selbstverständlichkeiten herausbefördert, nicht gleich, das geschah alles erst später bzw. zunehmend. Es verging viel Zeit. Wäre mir das nicht widerfahren, würde ich sicherlich ein Leben wie die meisten Menschen führen, ein Leben in Selbstverständlichkeiten. Nicht, dass das automatisch schlecht wäre, aber mir wäre so viel Gutes entgangen, so viel an Denkbewegungen verloren gegangen auf die ich nicht mehr verzichten mag. Um zum Jetzt zu gelangen ist jeder Baustein der Vergangenheit wichtig, mag er noch so unangenehm sein. Von vielen grenzt man sich ab, reibt man sich, und auch daraus resultiert Gewinn. Ich muss anmerken, dass ich Wahnsinn und Störung in einem anderen Kontext benutze als er vielleicht gängig ist, aber ich glaube, dass es schon zutreffend ist, dass eine Art des Wahnsinns vorlag (es gibt ja verschiedene Ausprägungen), auf die ich dann unbewusst mit einer Störung reagierte. Und da der Wahnsinn anhielt, hielt auch meine Störung an. Erst als ich mich dem Wahnsinn entzog, mir Freiräume schaffte, vor allem als ich mich 2004 selbst in die Welt warf, konnte ich langsam diese Form der Störung ablegen. Ich habe mir meinen eigenen Lebensrhythmus erschaffen. Dieser ist in der Menschenwelt leider nicht dauerhaft haltbar oder nur unter glücklichen Umständen, die bei mir nicht vorliegen,, aber solange wie er da war und noch ist, war er vom größeren Wert als mir unmittelbar immer bewusst war. Ich hatte eine gute Zeit, weil ich es mir selbst ermöglicht habe, habe mich aber weiterhin von all dem, was mich umgibt, in meinen Beschreibungsvorgängen anstecken lassen. Der Menschenweltwahnsinn ist ja auch sehr aufdringlich und kann einem immer wieder die Laune versauen. Aber so für mich gesehen, wenn ich mich dem Menschenweltwahnsinn entzogen habe, hatte ich sehr angenehme Zeiten. Ich konnte es damals nur noch nicht richtig schätzen, einordnen, weil mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlten. Ich wusste es war besser als zuvor, aber ich wusste nicht, wie viel besser besser sein kann. Ich dachte, es gäbe noch viel mehr Spielraum. Dabei hatte ich schon sehr viel (für andere hatte ich nichts, aber ich setze andere Prioritäten). Jetzt weiß ich wie viel ich auch im wenigen hatte. Hätte ich es nur etwas besser genutzt, ich habe es ja genutzt, aber nicht so wie es angebracht gewesen wäre bzw. ich es im nachhinein bevorzugt hätte, wie ich es jetzt handhaben würde.
Zurück zum Einstiegsthema: Mir sind Menschen suspekt, die meinen erst mit dem Denken anfangen zu müssen/ zu können, wenn sie eine schulische/universitäre Einrichtung besuchen bzw. glauben damit sei es dann getan. Aber damit ist nur sehr wenig getan, mitunter sogar etwas Negatives befördert. Dem Denken zu begegnen, in welcher Qualität dann auch immer, ist nur an dem eigenen Interesse gebunden, an dem eigenen Verlangen. Es kann zu jederzeit betrieben werden. Und wer einmal angefangen hat, tut sich schwer damit in die Selbstverständlichkeiten zurück zu kehren bzw. er kann es nicht mehr. Sicherlich hat er auch noch Selbstverständlichkeiten, die ihm noch entgehen, aber dafür hat er andere eingerissen und wenn er welche findet, die ihm bisher reflexiv entgangen sind, wird er sie ebenfalls zurückweisen und nicht länger annehmen.
Ganz so lange Texte darf ich auch nicht schreiben, die Zeit ist etwas knapp, und ich muss noch ein paar Korrekturarbeiten an meinem neuen und letzten Buch vornehmen. Aber ab und zu werde ich nochmal ein, zwei Gedanken aufschreiben.