Dienstag, 1. Mai 2012 14:22
Blaise Pascal überkam eines Nachts absolute Gewissheit und Klarheit. Er meinte zu Gott gefunden zu haben. Er schrieb das wesentliche auf einen Zettel nieder. Diesen Zettel nähte er in seine Jackentasche ein. Bei seinem Tode fand man ihn dort. Jahrelang diente dieser Zettel Blaise Pascal als Erinnerung an diesen entscheidenden Augenblick. Ich fand diese Vorstellung sehr einprägsam und nahm mir vor meinen eigenen Zettel zu schreiben. Dieser sollte weniger ein religiöses Bekenntnis abbilden, sondern Gedanken, die jahrelang gereift sind und so etwas wie Einsicht darstellen. Die Idee für die ich bereit bin alles zu geben sollte Einzug auf diesen Zettel erhalten. Der Zettel sollte nicht nur Erinnerung sein, er sollte zugleich eine Mahnung sein, ja nicht vom Pfad abzukommen. Und wenn doch einmal, dann schleunigst den eigentlichen Weg wieder aufzunehmen. Ich habe lange überlegt, was diese Idee, für die ich bereit bin alles zu tun, bei mir ist. Für Pascal war es die Idee eines christlichen Gottes, für ihn wollte er alles tun und tat es dann konsequent auch. Ich hätte schreiben können, ich will alles für das Denken tun, doch das wäre zu unpräzise gewesen. Ich befürchte ich kann diesen Zettel nicht niederschreiben. Und das obwohl ich bald 30 Jahre bin. Ich weiß nicht, wofür ich alles tun will. Es gab Momente in meinem Leben da waren Menschen, die mir alles bedeuteten und heute immer noch alles bedeuten. Klug wäre es gewesen, wenigstens für sie alles zu tun. Ich habe es nicht getan. Ich bereue das zutiefst. Denn dadurch, dass ich nicht alles für sie getan habe, habe ich gleichzeitig auch nicht alles für mich getan, denn ich habe mein Menschsein nicht vollständig abgerufen. Ich habe diese Menschen (an der Zahl zwei, zu unterschiedlichen Zeitpunkten, siehe auch Du bist nicht krank, Kapitel Liebe, §50) geliebt. Ich habe sie nicht einseitig verschuldet verloren, es benötigt bekanntlich zwei Menschen dazu. Jedoch konzentriere ich mich weniger auf die Gegenseite, sondern auf mein eigenes Tun. Es erfordert einem alles ab, jene Menschen zu verlieren die für einen ein unverzichtbarer Teil der Welt sind, womöglich erst die Welt zu einem bewohnbaren Ort gemacht haben. Blumen in einer vertrockneten Wüste. Ohne sie, ohne das Du, fällt es zunehmend schwerer sich durch dieses Dasein zu quälen.
Mein Zettel würde mehr aus Fragen bestehen. Er kann nur einen provisorischen Charakter haben. Ich habe keine Gewissheiten. Ich habe nur Fragen im Kopf, die aber ein Leuchtturm sind, einen führen. Eine klassische Frage lautete: Was willst du vom Leben?
Wille impliziert, dass man alles dafür aufopfert und alles für diesen Willen tut. Gibt es so etwas bei mir? Ich habe viel für das Denken aufgegeben. Ich habe dafür Opfer in Kauf genommen ohne Ende, um mir etwas Freiräume für das Denken zu ermöglichen. Werden diese mir entzogen schwindet mein Lebenswille. Ohne jene ist mir das Leben zu stumpf.
Eine andere Frage wäre: Was für ein Mensch möchte ich sein?
Sie schließt an die andere Frage an. Ich möchte ein Mensch sein der nicht seiner Gier folgt und dafür andere Menschen niederknüppelt, der seinen Willen nicht dadurch befriedigt, indem er andere Lebewesen ausschöpft, sondern dessen Wille sich dadurch erfüllt, indem er anderen Lebewesen zur Seite steht. Ich möchte Menschen Gutes tun, sofern sie nach einer Hilfestellung verlangen, was nicht jeder tut, weil nicht jeder der Hilfe bedürftig ist.
Ich möchte kein zerstreuender Mensch sein. Ich möchte mich weder von mir abwenden, noch von dem Dasein, auch wenn das den Anblick von viel Trauer und Grausamkeit mit sich bringt. Folglich möchte ich mein Leben nicht für einen Fernsehapparat hergeben. Meine Zeit ist zu kostbar als sie für ein Bildflimmern herzu schenken. Ich möchte es mit echten Menschen zu tun.
Es ist immer leichter zu sagen, was man nicht will. Doch damit ist noch nicht beantwortet, was man will. Indirekt schon, aber nicht in aller Klarheit. Ich möchte ein Mensch sein der seinen Blick ausbaut, nicht einengt. Der versucht die Welt nüchtern wahrzunehmen, der nicht unnötig beschönigt, aber auch nicht blind alles niederreißt. Wenn etwas Grausamkeit ist will ich es benennen. Ebenso sollte ein positiver Aspekt nicht verschwiegen werden, bloß weil er das Gesamtbild in seiner Eindeutigkeit aufhebt.
Hans Blumenberg verweist darauf, das Wissen oft mit der Frage in Verbindung gebracht wird, was können wir eigentlich wissen. Die wichtigere Frage wäre nach ihm aber: Was wollen wir eigentlich wissen?
Alles was ich wirklich wissen möchte ist dem Menschen nicht zugänglich. Ich würde gerne wissen wollen, was es mit dem Tod auf sich hat. Ich habe Vermutungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffend sein werden, aber im Wort Wahrscheinlichkeit steckt eben schon der Schein, nicht die Gewissheit. Wissen ist Gewissheit. Folglich habe ich kein Wissen zu diesem Thema. Ich kann die Frage was möchte ich eigentlich wissen also nicht mit der Idee für die ich alles geben möchte verknüpfen. Denn was ich wissen möchte, werde ich zu Lebzeiten nie erfahren und danach wohl auch nicht. Ich kann mein Leben folglich nicht für Wissensstreben hergeben.
Was möchte ich mit der Restzeit meines Daseins machen, wie lange es auch immer beschieden ist? Ich bin dem Thema Tod sehr eng verbunden. Nicht weil das Thema mich erfreut, es ängstigt mich zu genüge. Dennoch ist es für mich ein wichtiges Thema, vielleicht das wichtigste. Warum das so ist, habe ich ausführlich an anderer Stelle erörtert. Ich habe mir also überlegt, ob ich im palliativen Bereich tätig sein möchte, in der Sterbensbegleitung. Ich glaube, ich könnte Menschen dort dienlich sein. Mein Gedanken-Repertoire ist vielfältiger als es meine Texte vermuten lassen. Ich kann Menschen einen Input geben. Doch was bewirkt dieser? Er vermag unter den gegebenen Umständen manches, aber meist doch nicht viel. Worte sind eben nur Worte und auch Anwesenheit rettet nicht immer über die Umstände hinweg.
Ich habe versucht mitzuteilen, dass jedes Lebewesen vom Wahnsinn umzingelt ist. Und die Menschen dazu einen neuen Wahnsinn geschaffen haben. Ich habe darauf verwiesen, dass jeder Mensch im Dasein orientierungslos ist, wie auch immer er sich gebärden mag. Das verwirrt zu sein, herumzuirren, nichts mit Anomalität zu tun hat, sondern ein vollkommen natürlicher Prozess ist. Es also keine Notwendigkeit besteht. sich als anormal aufzufassen, wie es leider manche tun. Oder, wenn man es umdrehen möchte, leider nicht genug tun (das würde den Sachverhalt nämlich auch wieder aufheben, weil dann kein Stigmata von anderen auf einzelne übertragen werden kann, weil die Reflexion vor diesen leichtsinnigen Stigmata-Verteilung schützen würde).
Im palliativen Bereich ist nicht leicht Fuß zu fassen, man muss durch die Mühlen der Menschenweltstrukturen gehen und diese wirken sich auf mich immer zerstörerisch aus. Es ist also zweifelhaft ob mir in dieser Hinsicht etwas gelingen wird.
Ich habe also schon Ansätze von Ideen, die mir etwas geben könnten, aber ich kann es nicht leben, weil mir die Möglichkeiten fehlen (und ich sie nicht selbst erzwingen kann, manche können es, ich gehöre leider nicht zu dieser Sorte Mensch) und ich Dummheit und Grausamkeit nur schwer ertrage und die Menschenwelt wie die kompakte Welt voll davon ist. Kein Mensch weiß was seine Bestimmung ist, vielleicht keine. Doch viele ergreifen ein Thema und machen es selber zu ihrer Bestimmung, weil sie es so wollen. Das ist die Idee, für die sie alles tun. Mir geht wohl etwas dieser Heroismus ab, aber ich bewundere das bei anderen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich fast 30 Jahre brauchte um zum Anfang des Denkens zu gelangen. Ich habe viele Denktäler durchschritten. Ich kann mich nur noch schwer auf Selbstverständlichkeitsannahmen einlassen, weil die mich besonders in meiner Kindheit ruiniert haben. Und eine Idee für die man alles tut ist irgendwie eine trügerische Selbstverständlichkeitsannahme, es sei es gelingt einem das theoretisch gut zu unterfüttern. Mir ist es bisher noch nicht gelungen.
Das ich 30 Jahre gebraucht habe für den Anfang des Denkens muss kein Nachteil sein. Leider machen die Menschen in der Menschenwelt es zu einem, was daran liegt, dass sie zum Anfang des Denkens immer noch nicht gelangt sind. Wenn etwas aus eigener Kraft errichtet wird (und vorher massig Irrtümer eingerissen werden müssen), einem zuweilen auch Steine in den Weg gelegt werden, von anderen, aber auch von sich selbst, man mit Selbstverständlichkeitsannahmen überschüttet wird, dann kann es etwas dauern die Hindernisse auszuräumen und zum Anfangspunkt zu finden. Der Mensch ist ein Wesen das sehr unreif zur Welt kommt. Die Fliege wie andere Insekte und Tiere sind rasch einsatzfähig. Der Mensch ist die ersten Jahre vollkommen hilflos seiner Umwelt ausgesetzt. Er befindet sich in Abhängigkeiten. Die Natur weiß diesen langsamen Anlaufsprozess auszugleichen, in dem sie die Menschen biologisch mit einer längeren Lebensdauer versieht. Die Fliege ist schnell im Dasein einsatzfähig, stirbt dafür aber auch schneller. Der Mensch ist langsamer einsatzfähig, lebt aber auch in der Tendenz länger. Ich bin mit meinen 30 nicht der schnellste gewesen, aber die Natur zeigt an, dass sich der Mensch ruhig etwas Zeit lassen kann. Leider hat das die Menschenwelt bis heute nicht verstanden.
Heidegger war sein Leben lang bemüht die Frage nach dem Sein zum Thema zu machen. Man könnte das als die Frage nach der Kraft die alles übersteigt auslegen. Man ist ein Teil dieser Kraft, aber eben nur ein Teil und vielmehr der Teil in dem sich die Wirkung aktualisiert. Heidegger hat keine Antworten finden können. Doch hier ist tatsächlich die Frage wichtiger als die Antwort. Die Fragestellung nach der Kraft, die alles übersteigt, darf nie aus den Augen verloren werden. Denn diese Fragestellung ermöglicht Besinnung. Man lässt sich nicht mehr so schnell vom Menschenweltstrom und ihrer Zerstreuung mit hinab reißen. Das keine Antwort vorliegt darf nie dazu führen die Fragestellung aufzugeben. Ich muss nun nicht alle Texte von Heidegger lesen, eben gerade weil er einer Antwort keinen Stück näher kommen kann. Er nur Mensch ist und als Teil das Ganze nicht überschauen kann. So geht es allen. Wenn Zeit da ist, können solche Texte ausgiebig gelesen werden, sozusagen als vertiefte Vergegenwärtigung und Bewusstmachen der Fragestellung. Ist keine Zeit vorhanden begnügt man sich mit der Fragestellung. Andere Menschen sind genauso orientierungslos, ein Heidegger weiß nicht mehr über das Sein als Du (ich spreche mich hier selber an). Eben nicht viel bis gar nichts.
Georg Simmel nimmt Hans Blumenbergs Fragestellung vorweg, indem er schreibt, dass man Platon und Hegel liest wegen den Problemen die sie bearbeiten und nicht weil sie Hegel oder Platon sind. Hegel und Platon haben über viel geschrieben, was für mich nicht die entscheidenden Themen sind. Ich muss daher nicht alles von ihnen lesen, wenn überhaupt, nicht jeder Autor bearbeitet das Thema eindringlich und mit der nötigen Tiefe, den beiden genannten will ich ihren Ernst aber nicht absprechen. Es gilt sich an der Fragestellung zu orientieren und danach seine Wissenssuche auszurichten, sich nicht von Vorgaben leiten lassen (»Man muss doch den und den gelesen haben«).
Ich werde mit der Menschenwelt, ja mit dem Dasein an sich nicht warm. Ich werde mich, wenn sich die Möglichkeit ergibt, einzelnen Menschen anschließen, aber niemals der Menschenwelt als Ganzes. Dem Wahnsinn der Menschenwelt möchte ich mir nicht noch zusätzlich aufladen, auch wenn man ihm kaum entgehen kann, aber ich will mich dafür wenigstens nicht als Vorläufer verantwortlich zeigen.
Der Ernst des Lebens ist nicht die Menschenwelt, sondern anzuerkennen, dass da eine Kraft ist die den einzelnen Menschen übersteigt und das sich daraus Konsequenzen ergeben. Sicherlich, will man existieren, benötigt man heutzutage (leider?) die Menschenwelt. Aber man darf nie vergessen, wie wenig sie doch ist, wie wenig Bedeutung ihr zu kommt.
Dieser provisorische Zettel ist keine Hinführung zur Gewissheit. Auch hier heißt es die Ungewissheit anzunehmen, versuchen gerade von ihr zu profitieren. Dennoch brauche ich auch eine Idee für die ich leben kann, weil sonst wird das Leben unter den gegebenen Umständen immer schwerer. Nur kann diese Idee nicht von außen auferlegt werden, diese würde als unorganisch abgestoßen werden, nur die Idee, die aus einem selber heraus wächst, ist eine Idee, die dann auch gelebt werden kann.
Fragezusammenfassungen (der eigentliche Zettel):
Die Frage nach der Kraft, die alles übersteigt.
Was möchte ich eigentlich wissen?
Was für ein Mensch möchte ich sein?
Für welche Idee möchte ich leben?